Was ist Achtsamkeit?

Im Zusammenhang mit MBSR wird vielleicht am häufigsten folgende, von Jon Kabat-Zinn stammende, Definition von Achtsamkeit zitiert:

Achtsamkeit ist

„… in bestimmter Weise aufmerksam sein: absichtsvoll, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen.“

[Kabat-Zinn, J. (1994) Wherever you go there you are, S. 4]

© Rigobert Hofmann

Achtsam sein: Wunder des Seins

Das achtsame Kind

Können Sie sich erinnern, wie Sie als Kind waren? Ich sehe manchmal Kinder, die hemmungslos weinen und damit ihren Schmerz zum Ausdruck bringen. Manchmal stehen für den Betrachter recht geringe Anlässe dahinter. Und im nächsten Moment sind diese Kinder dann plötzlich von etwas anderem in den Bann gezogen und lachen schon wieder.

unsplash.com – Karl Fredrickson

Achtsamkeit. Werden wie die Kinder.

Ich erinnere mich daran, wie ich selbst als Kind fasziniert vor Ameisenhügeln knien konnte, beobachtend wie diese kleinen Tiere emsig und überaus aktiv irgendwelche Lasten irgendwohin schleppten. Wie sie sich begegneten, ganz geschäftig und den Weg aneinander vorbei erst finden mussten. Eine faszinierende Welt. Und erst die Tautropfen an den Grashalmen am frühen Morgen! Die ersten Sonnenstrahlen machten sie glitzern, alles wirkte so frisch und vital! Es war, als würde sich in ihnen das ganze Wunder des Lebens offenbaren.

Achtsame Erwachsene?

Heute, um einiges älter, hetzen wir durch die Stadt. Die To-Do-Liste abarbeiten: Schnell noch den Einkauf erledigen. Der Tag war mit einigem Ärger verbunden und eigentlich haben wir die Nase gestrichen voll. Jemand versucht uns ein Werbeprospekt in die Hand zu drücken. Das macht uns eher noch ärgerlicher, denn es fühlt sich an, als wolle man uns, die ja sowieso schon so von diesem Tag belastet sind, an der zügigen Erledigung unserer Pflicht hindern.

unsplash.com – Jose Martin

Lebenswege. Wege der Achtsamkeit?

Achtsam sein

Aufmerksam zu sein, was im gegenwärtigen Moment tatsächlich geschieht, ohne in Interpretationen darüber zu verfallen, kann uns helfen, uns gewisser Automatismen oder Denkgewohnheiten bewusst zu werden. Mit Achtsamkeit können wir mehr und mehr sehen, was wir da eigentlich tun und wir gewinnen die Freiheit zu entscheiden, ob wir wirklich so weitermachen wollen oder ob es uns vielleicht möglich ist, ein klein wenig etwas zu verändern.

Vielleicht bemerken wir dann, wann wir in einen Stressmodus verfallen, in leidvolle automatische Reaktionen, in ein Hamsterrad. Das Bemerken kannn uns die Chance geben, unseren Bezugsrahmen zu erweitern und zu schauen, ob es nicht auch andere Reaktionsmöglichkeiten gibt, die es leichter machen mögen, mit den Gegebenheiten umzugehen.

Vielleicht können wir mit Achtsamkeit – zumindest ein bisschen – wieder näher an die Erfahrungsqualität des Kindes kommen. Keine Frage, das ist ein beträchtlich anderes Erleben. Mit Achtsamkeit kann die Welt zuweilen zauberhaft erscheinen, wie ein Wunder.


Achtsamkeit, ein Trend

Die Achtsamkeitspraxis hat sich inzwischen in einer ganzen Palette von Anwendungen niedergeschlagen und ihr Effekt ist durch viele Studien belegt. Einen Achtsamkeitskurs haben inzwischen z. B. auch mehr als 100 Parlamentarier des britischen Oberhauses (House of Lords) besucht. Achtsamkeit ist im Trend: Google schult Mitarbeiter in Kursen („Search inside yourself“), Jon Kabat-Zinn meditiert mit Managern auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Die Achtsamkeitspraxis, auch in der Form von Jon Kabat-Zinns MBSR, geht auf Buddha zurück, auf Einsichten infolge seiner Erleuchtung. Doch nicht nur im Buddhismus, beispielsweise auch im Daoismus (auch „Taoismus“ geschrieben) oder im Advaita-Vedanta des Hinduismus haben die Prinzipien der Achtsamkeit einen entscheidenden Stellenwert. Tatsächlich lassen sich diese Prinzipien aus dem Wesen des Lebens ableiten, so dass man im Sinne von Jon Kabat-Zinn von einem universellen Charakter der Achtsamkeit sprechen kann.

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.

Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege

von wahrer Kunst und Wissenschaft steht.

Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern,

nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot

und sein Auge erloschen.

Albert Einstein in „Mein Weltbild“

unsplash.com – Ben White

Moment für Moment achtsam